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Die Ukraine ein ethnoheterogener Nationalstaat




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НазваDie Ukraine ein ethnoheterogener Nationalstaat
Дата24.12.2012
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Die Ukraine - ein ethnoheterogener Nationalstaat // Das Prinzip Nation in modernen Gesellschaften. Laenderdiagnosen und theoretische Perspektive. – Opladen : Westdeuscher Verlag 1994. – S. 267-280.

Die Ukraine - ein ethnoheterogener Nationalstaat


Volodymyr Jewtuch


Zu den aktuellsten politischen Diskussionen, die in der Ukraine zur Zeit in vollem Gange sind, gehóren diejenigen iiber Wege und Moglichkeiten, die Prin-zipien des souveranen eigenen Staates durchzusetzen, wie sie in der Erklarung iiber die Unabhangigkeit vom 24. August 1991 verkiindet wurden. Die wichtig-sten Bedingungen dafiir sind vorhanden: l.Das sowjetische Imperium besteht nicht mehr; 2. Die Unabhangigkeitserklarung ist durch das allukrainische Re­ferendum bestatigt worden (90, 32% derer, die ihre Stimme abgaben, haben mit Ja "gestimmt); 3.Die Ukraine ist mitderweile von fast alien Staaten der Welt anerkannt worden; 4. Es festigen sich die Attribute eines unabhangigen Staates wie eigene Grenzen, Zollbehorden, eine Armee, eine selbstandige Au-fienpolirik und anderes mehr.

Gleichwohl: Angesichts der polyethnischen Bevolkerungszusammensetzung der Ukraine (fast ein Drittel, also ungefahr 14 Millionen, gehoren etwa 130 verschiedenen Ethnien an) spielen ethnokulturelle Entwicklungen bzw. ihre an-gemessene politische Berucksichtigung hier eine wichtige Rolle. Die Frage drangt sich auf: Unter welchen Bedingungen kann in der Ukraine ein demo-kratischer Staat so aufgebaut werden, dafi die Rechte der Angehorigen der ver­schiedenen Volker gewahrt werden? Diese Frage ist keineswegs nur akademi-scher Art, sondern zielt auf ein konfliktfreies Zusammenleben der verschiedenen Ethnien und ihre Integration in eine Gesellschaft, in der die Ukrainer die Mehr-heit der Bevolkerung bilden. Wie es heutzutage gelingen kann, ohne ethnische Konfiikte in der Ukraine auszukommen, und in welchem Stadium sich die eth-nopolftische Renaissance der Ukrainer sowie der Angehorigen anderer ethni-scher Bevolkerungsgruppen befindet, versuchen wir in diesem Beitrag vor allem zu analysieren.


^ I. Die Wege zur Multiethnizitat

Nach der letzten Volkszahlung (von 1989) sind, wie gesagt, etwas mehr als 14 der insgesamt fast 52 Millionen Einwohner der Ukraine Angehorige verschie-denster nichtukrainischer Ethnien. Diese Bevolkerungszusammensetzung der heutigen Ukraine ist eine Erscheinung, die Jahrhunderte weit zuruckreicht. Zwei Wege waren es im wesentlichen, die zur Multiethnizitat geftihrt haben: Bevolkerungswanderungen sowie die sich zu eigenen Volkern verselbstandigen de Absonderung alter slawischer Stamme, die sich auf dem Gebiet des Kiewer Rus (9.-12. Jahrhundert) befanden.

Als grofite ethnische Minderheit ragen die Russen mit 11,3 Millionen hervor. Ziemlich geschlossene Siedlungsgebiete der Russen sind in den an Rufiland angrenzenden Gebieten - Charków, Luhansk, Sumy, Donezk - und in einigen sudlichen Gebieten - Mykolajiw, Chersoń, Odessa - zu finden. In den osdichen Landesteilen der Ukraine entstanden die meisten dieser Siedlungsgebiete im 11. bis 13.Jahrhundert, in den sudlichen und sudwestlichen Landesteilen erst im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts. Noch spater hat sich die Zahl der rus-sischen Siedlungen durch eine Kolonisierung der erwahnten Regionen stark vermehrt, die in eine doppelte Richtung ging: wirtschaftliche „Entdeckung," d.h. Nutzung neuen Ackerlandes (ostliche Regionen) sowie die Versorgung der entsprechenden industriellen Zentren mit den (angeblich) notjgen, zusatzlichen Arbeitskraften. Wahrend der Herrschaft der Sowjetmacht (1917-1991) stieg so die russische Bevolkerung in der Ukraine auf das dreifache an. Besonders stark fiel die Einwanderung von Russen kurz vor sowie nach dem 2. Weltkrieg aus -und zwar unter dem Vorwand, „dem ukrainischen Volk "bei dem Aufbau des Sozialismus „behilflich" zu sein (was vor allem auf die bis 1939 zu Polen geho-renden wesdichen Gebiete gemunzt war) sowie der Hilfe beim Wiederaufbau der durch den Weltkrieg (in der gesamten Ukraine) zerstorten Wirtschaft. Bei-des waren jedoch eher nur Vorwande einer zielgerichteten Politik der Russifi-zierung der damaligen Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublit- Heute le-ben die Russen iiber die ganze Ukraine zerstreut, konzentrieren sich jedoch, wie vorher, in den osdichen und sudlichen Gebieten des Landes. So stellen sie in Luhansk 45% der gesamten Bevolkerung, in Donezk 44%, in Charków 33 % und in Odessa 27%. Unter den anderen Stadten bzw. Regionen mit hohem Anted an Russen sind Dnepropetrowsk, Saporoshje und die Stadt Kiew zu nen-nen. In diesen Gebieten sind auch die meisten russischen Dorfer anzutreffen, und zwar auch dann, wenn man die Dorfer mit russifizierten Ukrainern, Weifi-russen oder Angehorigen anderer Bevolkerungsgruppen nicht dazu rechnet.

Wie die Russen, so sind auch die Weifirussen iiberwiegend in den Grenzzonen, hier: den ukrainisch-weifirussischen Grenzgebieten angesiedelt. Die altesten weifirussischen Siedlungen befinden sich im Norden der Ukraine, im Rivne (Rowno)-Gebiet. Von dort aus zogen viele Weifirussen am Ende des 18. Jahr­hunderts in die osdichen Gebiete der Ukraine (Sloboshantschyna) und in die sudlichen (Noworossiya). Wahrend es sich im ersten Fall hauptsachlich urn bau-erliche weifirussische Bevolkerung handelte, dienten die anderen der Anlage und Verstarkung von Militarsiedlungen, die zur Verteidigung der siidhchen Landes-teile gegen turkisch-tatarische Uberfalle gedacht waren. Wanderungen von Weifirussen waren auch in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg zu beobachten; mei-stens zogen sie in die Grofistadte der Ukraine, in denen ein Mangel an Arbeits­kraften in der Schwerindustrie bestand. Gegenwartig wohnt der grofite Teil der iiber vierhunderttausend Weifirussen in den Stadten. Bei ihnen ist, wie bei an­deren slawischen Gruppen, ein hoher ProzentsatzvonMischehen zu beobachten. Die rechtt Kolor galizis iml7. Nach ine in1 einigu insges bunde 200 0i gemisi den Si

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Bulgaren, die ebenfalls zu den grofiten ethnischen Minderheiten in der Ukra­ine gehoren, tauchten in den sudlichen Gebieten am Ende des 18. Jahrhunderts auf. Sie fiohen vor der tiirkischen Unterdruckung wahrend der russisch-tiirki-schen Kriege. Die ersten bulgarischen Siedlungen entstanden im sudlichen Bess-arabien, rings um Odessa, auf der Krim sowie den Vororten von Nikołaj ew. In den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts siedelten Bulgaren unter ruma-nischem Druck aus Bessarabien an das Asowsche Meer um. Diese Siedlungs-struktur besteht fur die bulgarische Bevolkerung der Ukraine noch heute. Zu den bulgarischen Ansiedlungen gehoren auch ethnisch gemischte Dorfer im Gebiet von Kirowograd.

Juden erschienen auf dem Gebiet der heutigen Ukraine schon in der friihen Feudalzeit. Noch wahrend des Kiewer Reiches gab es hier Gemeinden slawisch-sprachiger Juden, die sogenannten Kenaanym. Im 16.-17. Jahrhundert siedelten sich Aschkenasi (also Juden, die Jiddisch sprachen) aus Polen an. Im Gefolge der zweiten und dritten Teilung Polens (1793, 1795) kamen sehr viele Juden nach Noworossija (Neurufiland, wie die sudlichen Teile der Ukraine damals genannt wurden). Dabei konzentrierten sich die kompakteren judischen Ansied­lungen freilich auf kleine und mittlere Stadte der wesdich des Dnepr gelegene Gebiete, weil die zaristische Regierung seit 1796 den judischen Einwanderern nur auf dieser Seite des Flusses zu bleiben erlaubte. Erst in der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts durften die Juden auch in die Stadte auf der linken Seite des Dnepr ziehen. Die damit ausgeloste Mobilitat fiihrte zu einem raschen Wachstum der judischen Bevolkerung in den grofieren sudlichen Stadten der Ukraine iiberhaupt, vor allem jedoch in Odessa. Seit dieser Zeit anderte sich die Siedlungsstruktur der Juden kaum mehr; sie wohnen noch immer in den Grofistadten des Siidens und des Zentrums sowie in den mitderen und grofieren Stadten der westlichen Ukraine. Allerdings: Am Ende der zwanziger Jahre belief sich die Zahl der Juden auf annahernd zweieinhalb Millionen, wahrend die letzte Volkszahlung (von 1989) 486 000 angibt. Diese starke Verminderung ist einmal den Massenvernichtungen an den Juden durch die Nazis wahrend des letzten Weltkriegs geschuldet und zum andern eine Folgę der sich anschliefienden jiidischen Auswanderung in die USA, nach Kanada, in verschiedene Lander Eu-ropas sowie, in der letzten Zeit, nach Israel.

Zu den grofiten ethnischen Minderheiten in der Ukraine gehoren auch die Moidauer mit iiber 300000 Angehorigen. Die unmittelbare Nachbarschaft der Lander, die spater die Territorien der Moldau bzw. Moldawiens und des Kern-gebiets der Ukraine bildeten, sorgte fur eine starkę Mischung der ukraimschen und moldauischen Bevolkerung: Vorfahren der Moidauer, die in der Zeit vom 10. bis zum 13. Jahrhundert als Volochy (Wlachen) bezeichnet wurden, gab es auf ukrainischem Gebiet schon im 5./6. Jahrhundert. Mit der Bildung des Fiir­stentums Moldau (1359) kam es zu richtigen Auswanderungswellen der dortigen Bevolkerung in die Ukraine, um der neuen feudalen Unterdriickung zu entge-hen. So entstanden in den grenznahen Gebieten der Ukraine kompakte mol-dauische Siedlungen, die sich im 18. und 19. Jahrhundert, der allgemeinen wirt-schafdichen Entwicklung und ihren Bediirfhissen folgend, in die sudlichen Regionen ausdehnten.

Andere relativ grofie ethnische Minderheiten - wie die Ungarn (iiber 160000), die Rumanen im engeren Sinne (iiber 130000), die Griechen (ca. 100000) und die Armenier (iiber 60000) - kamen zu verschiedenen Zeiten und auf verschiedenen Wegen in die Ukraine. Die Ungarn beispielsweise erschienen in der Ukraine schon im 9. Jahrhundert - und zwar in den Transkarpaten. Eine neue Welle der ungarischen Kolonisation dieser Region fallt in die Zeit, als Ungarn vom Osmanischen Reich erobert wurde und die betroffene Bevolkerung massenweise in die Ukraine floh. Die lange Zugehorigkeit der Transkarpaten zur osterreichisch-ungarischen Doppelmonarchie verlieh den interethnischen Beziehungen in diesem Gebiet ein besonderes Geprage; der Einflufi der unga­rischen Traditionen, der ungarischen Mentalitat ist hier auch heute noch deut-lich zu spiiren.- Die ersten rumanischen Dorfer auf ukrainischem Boden wurden im 13. Jahrhundert von Bauern aus der nordwestlichen Walachei und dem sud­lichen Transsylvanien errichtet. Analog der erwahnten Situation in den Trans­karpaten nehmen die Rumanen im Gebiet von Tschernowitz (Cernivzi), das bis 1940 ja auch zu Rumanien gehorte, einen wesendichen Platz in der gegenwar-tigen politischen Entwicklung dieser Region ein - Die Einwanderung von Grie­chen (zu der damaligen Zeit: von Hellenen) in die Lander, die jetzt das Staats-gebiet der Ukraine ausmachen, begann schon im 6.Jahrhundert v.u.Z. So entstanden griechisch besiedelte Gebiete am Assowschen Meer, im Donezbek-ken und auf der Krim. Bis zur Gegenwart ist diese traditionelle griechische Siedlungsstruktur erhalten geblieben. - Zu einer der altesten Minderheiten der Ukraine zahlen schliefilich auch die Armenier, die (infolge der Eroberung Ar-meniens durch die Araber) im 10. und 11. Jahrhundert einwanderten. In der Gegenwart wohnen die ukrainischen Armenier zum grofiten Teil in den west-lichen Gebieten des Landes sowie in Kiew und einigen osdichen und sudlichen Stadten.


II^ Souveraner Staat und ukrainisches Volk


Mit dem Ausdruck „ukrainischen Volk" ist nur dessen Kern gemeint, d.h. die-jenigen Ukrainer, die auf dem Territorium der jetzigen Ukraine siedeln (nach der Volkszahlung von 1989 also 37 419000 Menschen). Bei ihnen sind jedoch samdiche Anzeichen einer ethnopolitischen Renaissance zu beobachten. Dar-unter verstehe ich den Prozefi, der der ukrainischen Ethnizitat einen angemes-senen Platz sichern und den Kampf um den Aufbau eines souveranen ukraini­schen Narionalstaats erfolgreich abschliefien soil. Ethnopolitische Renaissance weist zwei wichtige Aspekte auf, namlich ethnische und staadiche.

Die ethnischen Komponenten dieser Renaissance sind deutlich auf den ver-schiedensten Gebieten zu spiiren - in der Sprache, der Literatur und Kunst, im religiosen Leben. Dabei ist die Sprache eines der wichtigsten Merkmale der Ethnizitat, da sie als Mittel der Kontinuitat der ethnischen Information dient. Sprache besitzt signative Funktionen und ist das Medium, in dem und durch das sich eine Fiille von Formen der geistigen Kultur all der Menschen entwik-kelt, die zu ein und derselben Gemeinschaft gehóren. Wie nun die Verande-rungen der ethnolinguistischen Situation in der Ukraine erweisen, ist der lang-dauernde Prozefi der Russifizierung aus dem gesellschaftHchen Leben zwar nicht unbedingt ganz verschwunden, doch wurde er zumindest gestoppt. Dazu hat viel das noch von 1989 stammende „Gesetz iiber die Sprachen in der Ukraini­schen SSR" beigetragen, nach dem auf dem Gebiet der Ukraine eben Ukrainisch die Staatssprache ist. Seit 1991 vermehrt sich, insbesondere in den Grofistadten, standig die Zahl der Schulen mit Unterricht in ukrainischer Sprache. So gingen z. B. im Schuljahr 1993/94 iiber 20000 Kinder in die erste Klasse von hoheren Schulen mit auf ukrainisch gehaltenem und nur 6000 in solche mit auf russisch gehaltenem Unterricht, wahrend friiher die Mehrzahl der Schulanfanger in rus-sische Schulen gingen. Allmahlich gehen auch die Universitaten und sonstigen Hochschulen in ihrer Lehre zum Ukrainischen liber; dieser allgemeine Uber-gang ist umso bemerkenswerter als auf ukrainisch vorher nur im Fach Ukrai­nisch selbst unterrichtet wurde. Verstarkt wird die Stellung des Ukrainischen iibrigens durch eine Vermehrung entsprechender Zeitungen. Diese Verstarkung fallt freilich nicht stabil aus: Da nach wie vor die Papierrressourcen in Rufiland konzentriert sind und der Druck der Zeitungen von den entsprechenden Lie-ferungen abhangt, ergibt sich so eine Beschrankung im Umfang der auf ukrai­nisch mitgeteilten Informationen und damit auch eine Beschrankung des Ein-flusses dieser Zeitungen auf eine selbstbewufite Teilnahme der Ukrainer an den ethnopolitischen Prozessen. Wurde ich alle Erscheinungen oder Formen der Wiederbelebung des Ukrainischen auf den einzelnen lokalen und staadichen Ebenen aufzahlen, konnte leicht der Eindruck von neuerdings grundlegenden Veranderungen in der allgemeinen Einstellung zur ukrainischen Sprache und ihrer Rolle im Leben der gegenwartigen Gesellschaft entstehen. Wrklich spiir-bar ist der Fortschritt aber nur im Vergleich mit dem Zustand, der bis Mitte der achtziger Jahre herrschte.

Die Veranderungen in der Sprache, der Literatur und Kunst sind m. E. gleich-wohl deudiche Anzeichen fiir eine sich kraftigende ukrainische Ethnizitat, die schon heute auf die ethnischen Minderheiten und deren Selbstverstandnis im ukrainischen Rahmen ausstrahlt. Was ist damit gemeint? Nun, erstens eine Na-mensriickkehr bei den Menschen, deren richtige Personennamen unter dem alten Regime verboten waren; diese Riickkehr ist auch fur die Angehorigen von Minderheiten typisch und eint sie mit den Ukrainern. Zweitens begunstigt die Rehabilitierung von widergesetzlich verfolgten Ukrainern auch die Rehabilitie-rung von Unterdriickten aus den anderen Ethnien. Drittens bietet jetzt die Kunst, vor allem die Volkskunst, gute Moglichkeiten fur die Selbstdarstellung der Angehorigen der ethnischen Minderheiten und ihr auf die ukrainische Mehrheit bezogenes integratives Selbstverstandnis. Ein weiterer Aspekt der eth­nopolitischen Renaissance ist in der Wissenschaft festzustellen, und zwar be-sonders in der Form der Bearbeitung solcher Themen, die friiher verboten oder unerwiinscht waren (wobei gleichzeitig eine starkę Erweiterung der Kontakte mit auslandischen Kollegen stattfindet). Gerade zur Stimulierung der ukraini­schen Ethnizitat tragt schliefilich auch die Wiederbelebung des ethnokonfes-sionellen Lebens, also der orthodoxen sowie der griechisch-katholischen Kirche vieles bei, obwohl das Zusammenwirken dieser Kirchen nicht immer konfliktlos ist.

Alle Erscheinungen der ethnischen Renaissance sind auf auf logische Weise mit der staadichen Wedergeburt verbunden: Mai bilden jene die Grundlagen fur diese, und mal begunstigt die staadiche Wedergeburt die Entfaltung eth-nischer Eigentiimlichkeiten und Werte.

Der staadiche Aspekt der ethnopolitischen Renaissance liegt naturlich im Auf-bau eines unabhangigen ukrainischen Staats (wobei ukrainisch hier nicht eth-nisch, sondern politisch-territorial zu verstehen ist) bzw. einer darauf gerichteten allgemeinen Bewegung. Diese Bewegung stammt nicht erst von heute, sondern ist in der Geschichte des ukrainischen Voiles verwurzelt. Erste Schritte in die Richtung erneuerter pohtischer Selbstandigkeit wurden bereits im 18. Jahrhun­dert unternommen - und dann wieder 1918. Die Geschichte bietet heute der Ukraine eine neue Chance fur die Verwirklichung der Idee eines souveranen Staats. Etappen auf diesem Weg sind solche Akte wie die „Erklarung iiber die staadiche Souveranitat der Ukraine," die am 16.Juli 1990 im Parlament ein-stimmig verabschiedet wurde, der entsprechende Vertrag zwischen der Ukraine und Rufiland, aber auch die Vertrage mit Ungarn, Deutschland, den USA, Ka­nada usw. Der formelle Hohepunkt der staadichen Renaissance war der Akt der offiziellen Unabhangigkeitserklarung vom 24. August 1991, der in der Volksab-stimmung vom l.Dezember 1991 von der ganz iiberwiegenden Mehrheit der Burger (90, 3 %) bestatigt worden ist. Und inzwischen ist, durch die Aufnahme diplomatischer Beziehungen, die Ukraine auch von der Weltgemeinschaft als ein selbstandiger Staat anerkannt.

Nach zwei Jahren der Unabhangigkeit lafit sich also feststellen, dafi die for-mellen Merkmale der Souveranitat vorhanden sind. Aber das heifit nicht, dafi die politische Wiedergeburt der Ukrainer beendet ware; der ukrainische Staat wird ja erst aufgebaut. Ihre Vollendung setzt ein aktives Funktionieren des Staats und seiner Attribute voraus, also der Grenzen, der Armee, des Zolls, das Vor-handensein einer eigenen Wahrung usw. Doch heute befindet sich der ukraini­sche Staat erst auf den Anfangsstufen dieses Funktionierens. Wie lange der ge-genwartige Zustand andauern wird, ist ungewifi; entscheidend werden hier die innere Entwicklung (und deren Ursachen) sowie die internationalen Beziehun-gen der Ukraine und die damit verbundene Kooperation sein.


^ Ш. Die gegenwartige Lage der ethnischen Minderheiten und Perspektiven ihres Wiedererstarkens

Als Bezeichnung fur die Angehorigen verschiedener Ethnien findet man, in letzter Zeit, in der ukrainischen ethnologischen und soziologischen Literatur ofters die Begriffe rationale Minderheiten" und „ethnische Minderheiten." Meiner Ansicht nach entspricht der Terminus „ethnische Minderheiten" der Situation in der Ukraine am besten. Derm erstens spiegelt er die Selbstauffas-sung der Minderheit als Bestandteil einer solchen Ethnie wider, deren Mehrheit sich aufierhalb der Ukraine befindet. Dabei fallt manchmal das Siedlungsgebiet dieser Mehrheit mit dem Territorium eines entsprechenden (National-) Staats zusammen wie im Falle der Russen, der Weifirussen und Kirgisen; uberwiegend aber bildet diese Mehrheit ethnopolitische Gebilde oder gehort zu ihnen, die wiederum Bestandteil eines anderen, ubergreifenden ethnopolitischen Gebildes sind (Tatarstan in Rufiland, Abchasien in Georgien usw.). Zweitens gibt dieser Begriff Raum fur eine Neudefinition der „Nation", die bisher von der sowjeti-schen wie einem Grofiteil der auslandischen Ethnologie nur unangemessen be-stimmt wurde: Die Mehrheit der sowjetischen Forscher etwa bezeichnete bisher schon ethno-soziale Gebilde, also etwa Volker als Nationen. Drittens ist, ange-sichts der derzeitigen Nationalitatenkonflikte, dieser Terminus dazu geeignet, eine Politisierung auch der ethnologischen Begriffe zu verhindern. War es doch bisher marxistische Praxis, nationale Minderheiten per se als Gefahr fur die bestehenden sozio-politischen Gebilde anzusehen, da sie Anspriiche auf Eigen-staadichkeit erheben konnten; separatistische Tendenzen wurden sich so, im konkreten Fall, schliefilich auch gegen einen ukrainischen Staat an sich richten.

Die ethnische Minderheit, bei deren begrifflicher Bestimmung ich mich dem-gegenuber also vor allem auf auslandische Kollegen stutze, weist eine Reihe wichtiger Merkmale auf: a) Geringere Bevolkerungszahl (als die Mehrheit, im konkreten Fall: das ukrainische Volk), b) sozio-kulturelle Gemeinsamkeiten, dar-unter auch das Bewufitsein einer gemeinsamen Geschichte, c) geringere Mog-lichkeiten der Selbsterhaltung als eigene ethnische Gruppe als, wiederum, bei der Mehrheit, sowie d) eine Diskriminierung durch die Mehrheit. Das zuletzt genannte Kriterium lafit sich allerdings nicht sinnvoll auf die russische Minder­heit beziehen. Da die Politik der regierenden Ehte in der ehemaligen Sowjet­union auf eine Russifizierung der anderen Volker ausgerichtet war, war die Stel-lung dieser Minderheit erheblich und eben iiber Gebiihr gestrkt worden - iibri-gens nicht nur in der Ukraine.

Grundsatzlich, so meine Auffassung, zielt der Begriff der ethnischen Min­derheit auf die Qualitat der Beziehungen zwischen einer dominierenden Mehr­heit und nichtdominierenden Minderheiten, und signalisiert eine geringere Be-deutung der Minderheit innerhalb der Hierarchie der die Gesellschaft wesendich bildenden Subsyteme (vgl. Heckmann 1981: 18-47). Unter Beriick-sichtigung der Geschichte des ukrainischen Staats - genauer gesagt, des Terri-toriums, das den heutigen ukrainischen Staat ausmacht - konnen von den fiinf von diesem Soziologen vorgeschiagenen Minderheitstypen (a. a. O.: 28) beson-ders zwei als fur die Ukraine zutreffend gelten. Namiich i. regionaie ethnische Minderheiten, die im Zuge der Ethnogenese bzw. der pohtischen Entwicklung auf dem Gebiet entstanden, das jetzt den ukrainischen Staat ausmacht, sowie 2. eingewanderte ethnische Minderheiten, die ein Ergebnis der Migrarionsprozes-se im Lauf der geschichtlichen Entwicklung dieses Gebiets sind.- Eine Aufstel-lung iiber die wichtigeren Minderheiten der Ukraine iiberhaupt gibt die fol-gende Tabelle.


Die Siedlungsstruktur der Minderheiten weist im allgemeinen keine hervor-stechenden Merkmale auf. Zu dem oben Gesagten ware lediglich hinzuzufugen, dafi Bulgaren, Magyaren, Moidauer, Gagausen und Rumanen vor allem auf dem Land ansassig sind. Demgegenuber ist hinsichtlich der demographischen Ent­wicklung noch eine typische Besonderheit zu erwahnen: Bei fast alien Minder­heiten hat sich die Zahl ihrer Angehorigen zumindestin den Jahren 1979 - 1989 erhoht (und zwar von wenigen Prozentbruchteilen bis zur Zunahme um die Half­te; bei den Krimtataren, den Usbeken, den Aserbaidschanern undTurkmenen hat sich die festgestellte Zahl ihrer Angehorigen sogar verdoppelt). Ausnahmen bil-den hier nur die Magyaren, die Russen und die Juden. In alien Fallen ist eine wichtige Ursache dafiir in WanderungsbewegungenvomAuslandin die Ukraine bzw. in umgekehrter Richtung zu sehen, doch spielt auch die Geburtenrate eine betrachdiche Rolle, die vor allem bei den Minderheiten aus den ehemaligen mit-telasiatischen Sowjetrepubliken sowie bei den Krimtataren nach wie vor sehr hoch ist. Um bei diesen kurz zu verweilen: Belief sich die Zahl der Krimtataren in der Ukraine noch im Jahr 1979 auf 6 600, so wurden bei der Volkszahlung von 1989 bereits mehr als 46 000 ermittelt, und Ende 1992 verzeichnete die Staristik bereits rund 200 000. Nach den Angaben des ukrainischen Ministeriums fur Sta-tistik aufierten 97, 5% (ca. 152 000) aller in Usbekistan, Kasachstan. Tadschikistan und Krgisien ansassigen Krimtataren den Wunsch. auf die Krim umzusiedeln; denselben Wunsch aufierten auch iiber 20000 Krimtataren aus der (osdich des Asowschen Meers gelegenen) Region Krasnodar. Daraus istzu schliefien, dafi die krimtatarische Bevolkerung der Ukraine in den nachsten Jahren jedenfalls dann noch erheblich anwachsen wird, wenn die Krim bei der Ukraine verbleibt.

In Verbindung mit den Wanderungsbewegungen und insbesondere den sehr unterschiedlichen Geburtenraten variiert auch der Altersaufbau der Minderhei­ten. Um nur einige Daten fur die zahlenmafiig starksten Minderheiten zu er­wahnen: (a) Der Anted der iiber Sechzigjahrigen betragt bei den Moldauern 15%, den Russen 15, 4%, den Weifirussen 18, 3%, den Bulgaren 19, 8%, den Polen 31% und den Juden 35, 5%. Dementsprechend fallt (b), jedenfalls im groben, der Anted der Neugeborenen (bis zu einem Jahr) aus; wahrend er bei den Russen 1,5% betragt, erreicht er bei den Juden und Polen nur 0.5% der Bevolkerung. (с) Bei alien diesen Minderheiten bilden die Personen im Alter von 15 bis 44 Jahren die relativ grofite Kategorie (so z. B. 35% bei den Polen und 46% bei den Moldauern). Nur die Juden bilden hier eine Ausnahme; der diesbeziigliche Anted belauft sich bei ihnen auf 31,7%.- Auch ohne Berufung auf diese und andere Daten lafit sich feststellen, dafi ein hoher Anted alter Leute in Verbindung mit einer niedrigen Geburtenrate keine gute Voraussetzung fiir das kulturelle usw. Wiedererstarken einer ethnischen Minderheit ist. Was sich aber erst einmal nur empirisch zeigt (und durch Daten zur jedenfalls sprachli-chen Russifizierung in der ehemaligen Sowjetunion bestatigt wird), ist eine po­sitive Korrelation zwischen der Hohe des Anteils von Personen im Alter von 15 bis 44 Jahren bei einer ethnischen Minderheit und der Wahrscheinlichkeit von Prozessen ihrer Assimilation an die Mehrheit.

In diesem Zusammenhang sind natiirlich einige Ergebnisse interessant, die bei der letzten Volkszahlung von 198° hinsichtlich der ethnischen Verteilung der jeweils gesprochenen Sprachen angefallen sind. Dazu kurz die wichtigsten Fakten:

  1. Russisch nimmt nicht nur unter den Russen, sondern auch den Angehóri-gen der anderen Nationalitaten nach wie vor den ersten Rang ein. 98,4% aller Russen, 90,6% der Juden, 87,5% der Karaimen, 78,8% der Griechen, 72,2% der Finnen, 70,2% der Karelier, 67,2% der Deutschen, 65,5% der Esten, 64% der Koreaner sowie allerdings nur 12,3% der Ukrainer geben Russisch als ihre Muttersprache an.

  2. Folgende Minderheiten haben sich ihre eigenen Sprachen (im Sinne der Muttersprache) am besten bewahrt: Magyaren (95,7%), Krimtataren (92,6%), Araber (81,7%), Tabasaranen (80,4%), Gagausen (79,5%), Moldauer (78%), Aserbaidschaner (72,4%), Usbeken 71,5%), Bulgaren (69,5%) und Rumanen (62,3%).

  3. Ukrainisch findet sich bei den ethnischen Minderheiten als Muttersprache relativ selten. Ausnahmen bilden hier nur die Polen (66,6%), die Slowaken (32,7%) und die Tschechen (30,7%). Der Gesamtanteil aller Minderheitenan-gehórigen, die Ukrainisch als Muttersprache angeben, betragt jedoch nicht mehr als 12,8%.

Aus diesen statistischen Befunden ist ersichdich, dafi die Russifizierung in der Ukraine schon sehr weit fortgeschritten ist. Hinsichtlich der konkreten Aus-fuhrung des Sprachengesetzes von 1989, nach dem Ukrainisch allein als Staats-sprache zu gelten hat, fiihrt dieser Sachverhalt zu erheblichen Schwierigkeiten. Es ist deshalb ein regional spezifiziertes Sonderprogramm erarbeitet worden, das die Durchsetzung des Ukrainischen als Amts-, aber auch Geschaftssprache fordern soil. Heute schon kann mit ziemlicher Sicherheit gesagt werden, dafi die Verwirklichung dieses Programms mehr Zeit als geplant in Anspruch neh-men wird und an ihm selbst einige Korrekturen vorgenommen werden miissen. In diesem Zusammenhang ist jedoch zu betonen, dafi diese Mafinahmen kei-neswegs auf eine „Ukrainisierung", sondern vielmehr auf eine „Entrussifizie-rung" abzielen. Eine solche Form der „Befreiung" eroffnet nicht nur den Ukrai-nern, sondern auch den in der Ukraine lebenden Minderheiten neue Perspektiven.

Im Zuge der sowjetischen Nauonalitatenpolitik, die aus vielen Volkern mit typisch unterschiedlichen psychischen und kulturellen Merkmalen ein „einheit-liches Sowjetvolk" machen wollte, entstanden zahlreiche Probleme ethno-kul-tureller Art. Gleichwohl betrachtete man seit der Mitte der dreifiiger Jahre die Nationalitatenprobleme in der Sowjetunion als gelost, und stutzte sich dabei auf die These vom endgultigen Sieg des Sozialismus in der UdSSR. Demge-genuber bestanden fur die Minderheiten in der Ukraine noch in den zwanziger und am Anfang der dreifiiger Jahre gute Mogiichkeiten fur eine Befriedigung ihrer ethnischen Beduxfnisse. Offiziellen Angaben zufolge gab es 1929 insgesamt 3564 Schulen mit Unterricht in anderen Sprachen, darunter 1539 mit Unterricht in Russisch, 786 in Jiddisch, 628 in Deutsch, 381 in Polnisch, 16 in Mol-dauisch, 8 in Tatarisch und 2 in Assyrisch. Dariiberhinaus existierten auch Fach-und Hochschulen, die Spezialisten fur Minderheitensprachen ausbildeten. Eth-no-kulturellen Aktivitaten konnte ferner in eigenen Bibliotheken, in Klubhau-sern usw. nachgegangen werden; und von dreifiig Zeitungen, die in der Ukraine uberhaupt gedruckt wurden, erschienen sechzehn in Minderheitensprachen -darunter drei auf russisch, und je eine auf bulgarisch und tatarisch (vgl. Gontar 1991 und Cyrko 1990).

Dies alles bildete die Grundlage fur die Entfaltung des ethno-kulturellen Lebens bei den Minderheiten der Ukraine. Jetzt mufi, wie gesagt, wieder neu begonnen werden. Das einzige, was zunachst not tut, ist die Forderung ethno-kultureller Aktivitaten auf der Basis geistiger und pohtischer Freiheit, um so die ffiiheren Verhaltnisse wiederherzustellen. Erste Schritte in diese Richtung wurden schon getan: Nach Angaben des ukrainischen Ministeriums fur Volks-bildung von 1991 ist in einer Reihe von Schulen Unterricht in anderen Spra-chen, also aufier in Ukrainisch und Russisch, bereits eingefuhrt worden. So wird in 19 Schulen der Unterricht in verschiedenen Fachern auf moldauisch, in 105 auf rumanisch, in 88 auf ungarisch und in drei Schulen auf polnisch erteilt. Die Minderheitensprachen konnen ofters auch fakultativ erlernt werden: So Mol­dauisch in 12 Schulen, Rumanisch in 33, Ungarisch in 60, Polnisch in 48, Bul­garisch in 69, Krimtatarisch in 153, Tschechisch in zwei, Slowakisch in vier, Neugriechisch in acht, Jiddisch in elf, Gagausisch in funf, die Zigeunersprache und Turkisch in je einer Schule. Nach eigenen, auf den Daten des Ministeriums basierenden Berechnungen sind es derzeit etwa 100000 Schuler, die Minder­heitensprachen lernen bzw. in ihnen unterrichtet werden. Allein 1993 wurden 120 rumanische, 89 ungarische, vier polnische und vier jiddische Schulen (wie-der)gegriindet. In Bolgrad, gleichsam der Hauptstadt der ukrainischen Bulgaren im Odessagebiet, istim September 1993 das vor 135 Jahren geschaffene bulga-rische Gymnasium wiedereroffhet worden.

Allerdings ist schwer zu sagen, ob oder inwieweit diese Ziffern auch die tat-sachlichen Bediirfhisse der einzelnen Minderheiten widerspiegeln, weil es dazu keine konkreten Untersuchungen gibt. Denn erst seit 1992 beschafrigt sich eine eigene Institution, in diesem Fall das neugegriindete Institut fur Soziologie (Ab-teilung Soziologie der Nationalitatenbeziehungen und Minderheitenpohtik) bei der Akademie der Wissenschaften mit diesen Problemen. Eine der Schwierig-keiten jedenfalls, mit denen das neue Bildungswesen zu kampfen hat, bildet der Mangel an Lehrbuchern fur die Minderheiten; dabei fehlen auch standige Kon-takte der Minderheiten zu ihrer ethnischen Mehrheit im Ausland, die geeignete Lehrbucher zur Verfugung stellen konnte. Solche Kontakte befinden sich noch im Anfangsstadium, doch lafit die diplomatische Anerkennung der Ukraine durch das Ausland auf eine Verbesserung dieser Beziehungen hoffen. Ferner konnte natiirhch gerade die Minderheitenpresse zu den ethno-kulturellen Ak­tivitaten der jeweiligen Ethnie beitragen. Heute freilich nimmt sich diese Presse noch relativ bescheiden aus: Es existieren bisher nur knapp iiber zwanzig in

Minderheitensprachen gehaltene Zeitungen. von denen iiberdies die meisten nicht regelmafiig erscheinen und so die Bediirfnisse der Minderheitenangeho-rigen keineswegs abdecken. Trotzdem ist es erfreulich, da6 es wieder eine Min-derheitenpresse gibt - von der vor fiinf Jahren noch keine Rede sein konnte. Schliefilich: Ungefahr 1990 entstanden in der Ukraine wieder die ersten gesell-schaftlichen und kulturellen Organisationen von Minderheiten; es waren dies die Gesellschaft fur jiddische Kultur, die Polnische Gesellschaft fur Kultur und Bildimg, aber auch andere. Heute gibt es allein in Kiew ahnliche Vereinigungen der Assyrer, der Bulgaren, Weifimssen, Moldauer, Rumanen, Polen, Juden, Deutschen, Armenier, Georgier, Magyaren, Tschechen, Slowaken, der turkspra-chigen Volker, der Zigeuner und anderer Minderheiten. Die Gesamtzahl dieser Organisationen, die ihre Aufgabe darin sehen, die kulturellen Aktivitaten ihrer jeweiligen Minderheit nach besten Kriiften zu fordern, belauft sich zur Zeit auf etwa hundert, die sich schon seit 1990 in einem „Rat der Nationalitatengesell-schaften in der Ukraine" zusammengeschlossen haben. Derzeit entstehen neue Folkloregruppen, werden Kurse in Minderheitensprachen abgehalten, die Be-volkerung mit der Geschichte und Kultur der verschiedenen Ethnien bzw. Vol­ker bekannt gemacht und Festspiele organisiert. Das alles bildet freilich erst einen Anfang, und die jeweiligen Organisatoren haben noch mit vielen Schwie-rigkeiten zu kampfen. Es fehlt an Raumlichkeiten wie an qualifiziertem Personal, und die finanzielle Unterstutzung durch den Staat ist aufierst gering.

Das zunachst Wichtigste ware allerdings. meines Erachtens, die Schaffung einer ausreichenden rechtlichen Grundlage mit dem Ziel, fur eine freie, von Diskriminierung unbehinderte Entwicklung der Minderheiten in der Ukraine zu sorgen. Ein erster konkreter Schritt in dieser Richtung war das bereits er-wahnte, 1989 verabschiedete Sprachengesetz. Nach ihm ist u. a. der Gebrauch jeder beliebigen Sprache erlaubt (Art. 3) sowie insbesondere den Minderheiten das Recht eingeraumt, ihre eigene Sprache zu pflegen (Art. 5). Der Staat wendet sich damit gegen jegliche (rechdiche) Privilegierung oder Beschrankung bzw. Diskriminierung in sprachlicher Hinsicht (Art. 8).

Ein weiterer Schritt war die Erklarung iiber die Rechte von Minderheiten, die noch vom Obersten Sowjet der Ukraine im Herbst 1991 verabschiedet wurde. Einen dritten und sehr bedeutsamen Schritt stellte dann die Verabschie-dung des Gesetzes „Uber die nationalen Minderheiten in der Ukraine" im Som-mer 1992 dar, dessen erster Artikel folgendermafien lautet: „Die Ukraine ga-rantiert alien Burgern der Republik, ungeachtet ihrer nationalen Herkunft, gleiche burgerliche, politische, soziale, kulturelle und andere Rechte und Frei-heiten, und fordert die Aufierung des nationalen Bewufitseins". Nach ihm be-sitzen die ethnischen Minderheiten jetzt also das offizielle Recht, eigene gesell-schaftliche Organisationen zu griinden und, vor allem, eigene territoriale Verwaltungseinheiten zu bilden. Wahrend jedoch solche Organisationen auf rei-ner Selbstverwaltung beruhen oder doch beruhen konnen, ist die Einrichtung regionaler Verwaltungseinheiten nicht ohne Unterstutzung durch den Staat moglich. Dementsprechend gibt es in der Ukraine inzwischen als weiteres Organ des Minderheitenschutzes (neben dem schon erwahnten „Rat der Nationa-litatengeselhchaften)" ein Ministerium fur Naaonalitatenfragen und Migrańo-nen, das die SeibstverwaJtung der ethnischen Minderheiten im Bereich der Exe-kutive unterstiitzen soil.- In diesem Zusammenhang mufi darauf hingewiesen werden, dafi es bereits in den zwanziger und dreifiiger Jahren positive Erfah-rungen mit der Selbstverwaltung von Minderheiten gab. So existierten etwa 1926 in der Ukraine zw5lf nationale - deutsche. bulgarische, russische, polni-sche - Kreise und sechshundert Dorfrate, darunter 167 russische, 153 deutsche, 115 polnische, 86 jtidische und 27 griechische. Die neue gesetzliche Regelung fuhrte also sozusagen zur Wiedergeburt einer fruheren Form der ethnischen Selbstverwaltung; dabei begnugte man sich allerdings nicht mit einer schlichten Wiederholung des Vergangenen. sondern nahm gleichzeitig eine Anpassung an die derzeitigen Gegebenheiten vor. Ein eigenes Programmmultikultureller Ent­wicklung konnte angemessene Reaktionen auf neu eintretende Probleme im Minderheitenbereich zusatzlich erleichtern und auch fur eine ^Coordination der Bemuhungen sorgen, die nicht nur in der Ukraine zur Lósung solcher Probleme unternommen werden, sondern auch in denjenigen Staaten, in denen die Mehr­heit der jeweiligen Ethnie beheimatet ist.

Die Verabschiedung des Minderheitengesetzes von 1992 beweist, dafi die un-abhangige Ukraine bereit ist, ihre Minderheitenprobleme wirklich anzugehen und zu bewaltigen, und dabei den Mnderheiten auch das Recht der Selbstver­waltung und der Losung der damit zusammenhangenden Probleme einraumt. Eine solche Minderheitenpolitik kann natiirlich nur mit einer aktiven Unter-stiitzung durch die Minderheiten selbstverwirklicht werden, die auf diese Weise einen wichtigen Beitrag zum Aufbau des gesamten ukrainischen Staats erbringen wurden.


^ IV. Schlussbemerkung

Damit bin ich an einem letzten Punkt. Fast alle gegenwartigen Konzeptionen zum Aufbau des neuen, unabhangigen Staats sind durch „ukrainische Ideen" gepragt. Damit ist gemeint, dafi nach ihnen die Ukrainer (als Volksgruppe!) die ethnische Grundlage dieses Staats bilden sollen. Im Prinzip entspricht eine sol­che allgemeine Forderung durchaus einer typischen Gesetzmafiigkeit in der Bil-dung von Staaten, nach der der modernę Staat gewóhnlich einen ethnischen Kern besitzt. Man sollte jedoch beachten, dafi es heutzutage kaum noch ethnisch homogene Staaten gibt. Nur etwa dreizehn Prozent der vorhandenen Staaten lassen sich ihnen zurechnen; die anderen sind ethnisch heterogen - und zwar so, dafi in ihnen mindestens zwei, in Einzelfallen aber bis zu ungefahr hundert grofiere Ethnien leben. Und Demokratie kann in solchen polyethnischen Ge-bilden eben nur dann verwirklicht werden, wenn die staadiche Politik ein ver-nunftiges Verhaltnis zwischen den Interessen der allein durch ihre Zahl domi-nierenden ethnischen Gruppen und denen der Minderheiten herstellt. Ohne ein solches verniinftiges Verhaltnis, das freilich nicht leicht zu erreichen bzw. aufrechtzuerhalten ist, erwarten den Staat standige interethnische Konflikte, womoglich sein schliefilicher Zerfall in mehrere ethnopolitische Einheiten. Das jedenfalls lehrt das Beispiel der ehemaligen Sowjetunion, auf deren Territorium sich ja inzwischen eine Reihe neuer, ihrerseits multiethnischer Staaten gebildet hat.


Literatur

Cyrko, B. 1990: Nacional'nye mensinstva na Ukraine, Kiew

Heckmann, F. 1981: Die Bundesrepnblik - ein Einwanderungsland?, Stuttgart

-dtrs. 1988: "Volk, Nation, ethnische Minderheiten; in: Ósterreichische Zeitschrift far Soziolo-gie, 3

Gontar, O. 1991: Dejaki pytannja miznacional'nych vidnosyn na Ukraini v 20-i roky; in: Ukrainskyj

istorycnyj zurnal, 7 Naulko, V. 1991: Kultura i pobut nasseiennja Ukrainy, Kiew

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